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Tag 3 beim Bestatter: Die Leichenstarre ist ein Mythos

16.01.2018 / Bestattungsunternehmen

Ich fühle mich, als ginge ich durch ein Krankenhaus und träte in einen Operationssaal: Es ist kühl, Neonröhren beleuchten den Raum, Instrumente und Geräte liegen auf Tischen. Lange Stahlregale bergen die heutigen „Patienten“, die mit Laken bedeckt sind.

Ich befinde mich im sogenannten Versorgungsbereich, an den auch der Kühlraum und das Sarglager angeschlossen sind. Dies ist eine Zwischenstation auf der letzten Reise, eine von vielen in einem komplexen Ablauf. Ist ein Mensch gestorben, wird nach dem Arzt, der den Tod feststellt und bestätigt, zunächst der Bestatter angerufen. „Ein Bestatter hat rund um die Uhr Bereitschaftsdienst, immerhin kennt der Tod keine Öffnungszeiten – das vergessen viele“, wirft der junge Mann ein, der heute Nacht eine verstorbene ältere Dame aus dem Seniorenheim abgeholt hat. Er winkt und verabschiedet sich von seinem Dienst. Die Überführung ist ein Männerjob, denn es erfordert einiges an Kraft, den Verstorbenen auf die Trage zu legen. Nachdem der Verstorbene abgeholt wurde, wird er zunächst kühl gelagert und dann versorgt.

„Schwierig wird es, wenn Menschen eines nicht natürlichen Todes sterben“, bemerkt ein Kollege, der sich gerade mit der vor mehreren Stunden verstorbenen Dame befasst. Er trägt eine Creme auf ihr Gesicht auf, damit die Haut nicht austrocknet, kämmt ihr die Haare. Er fasst den Körper vorsichtig an, als handele es sich um eine Schlafende. Auf einem Zettel, der Sargkarte, sind Details vermerkt wie Kleidungswünsche, eventuell zu entfernende medizinische Geräte oder Gebisse, ob die Verstorbene geschminkt werden soll.

Ist ein Mensch eines nicht natürlichen Todes gestorben, wird der Leichnam zunächst von der Kriminalpolizei beschlagnahmt und eventuell auf Veranlassung obduziert, um die Todesursache festzustellen und eine mögliche Fremdeinwirkung auszuschließen. Erst nachdem der Verstorbene von der Polizei freigegeben wurde, können die Angehörigen die Beisetzung und die Planung der Trauerfeier in Gang setzen.

„Vor allem dann sind unsere Fertigkeiten gefragt“, sagt er, „wenn der Verstorbene in einem offenen Sarg aufgebahrt werden soll.“ Denn: Sei es durch Krankheit, Verletzungen oder bereits einsetzende Verwesung – manche Verstorbene kommen sehr entstellt beim Bestatter an. Hier sieht man die unschönen Aspekte. Dann werden für einen würdevollen Abschied Flecken überschminkt oder Wunden präpariert.

Zimperlich darf man in diesem Beruf nicht sein, denn auch vor Körperflüssigkeiten und Darminhalten dürfen die Bestatter nicht zurückschrecken. Mein Kollege faltet die Hände der verstorbenen Frau vorsichtig auf der Brust. Ich bin überrascht, dass das trotz Leichenstarre möglich ist. „Das ist ein Irrglaube“, lächelt er. „Bei der Leichenstarre versteifen zwar die Muskeln, aber die kann man wieder lockern, wenn man sie bewegt.“

Inzwischen ist die Dame gewaschen, angezogen und geschminkt und wird in den Sarg eingebettet. Den Prozess des Umziehens habe ich nicht mit angesehen – der Kollege hat die Verstorbene nicht vor mir ausgezogen, und auch die anderen Körper waren stets bedeckt, denn Nacktheit ist auch bei Toten eine intime Sache. Das oberste Gebot ist der Respekt vor dem Toten und alle hier sorgen dafür, dass er seinen letzten Weg in Würde gehen kann.

Mir wird klar: Mit dem Tod hört die Menschenwürde nicht auf. Die Privatsphäre wird stets gewahrt, letzte Wünsche werden respektiert. Der Tote wird behandelt, als ob er schliefe, alle Mitarbeiter verhalten sich während des Waschens und Anziehens angemessen und respektvoll. Doch auch die weniger angenehmen Aspekte wie Verletzungen am Leichnam finde ich nicht abschreckend. Sie gehören zum Leben dazu.