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Tag 6 beim Bestatter: Trauernde tun die seltsamsten Dinge

19.01.2018 / Bestattungsunternehmen

Nun habe ich fast alle Stationen in meinem Praktikum beim Bestatter durchlaufen. Zum Abschluss darf ich einer Beerdigung beiwohnen. Alles ist organisiert:  

Die Verstorbene ist liebevoll hergerichtet worden – es ist die ältere Frau von vor drei Tagen. Ein Blumenmeer umringt den Sarg und die Angehörigen trauern – leise und gemeinsam. Der Sarg ist in einem separaten Raum aufgebahrt, wo sich die Angehörigen persönlich verabschieden können. Die Trauerfeier selbst findet in einem größeren Raum statt. „Häufig kommen die Leute aus dem Krankenhaus in nur einem Krankenhemd“, erläutert meine Kollegin, die ebenfalls an der Beerdigung teilnimmt. „Die meisten wollen aber bei der Bestattung ihre eigene Kleidung tragen. Oder die Angehörigen sagen ‚Das war ihr Lieblingskleid‘ oder ‚Er wollte den Anzug tragen‘.

Die Angehörigen können nochmal zum Abschied an den Sarg treten. Eine junge Frau – die Enkelin der Verstorbenen – klemmt ein Foto an den Sarg.

„Viele geben den Verstorbenen Dinge mit“, erläutert meine Begleiterin. „Und du wärst überrascht: Es sind nicht immer Briefe oder Stofftiere. Nein – auch Zigaretten! Ein Verstorbener war Kettenraucher und seine Freunde haben ihm eine Zigarettenschachtel in den Sarg gelegt. ‚Noch eine auf den letzten Weg‘‘. Ich bin zunächst perplex, doch dann wird mir klar, dass jeder anders mit dem Verlust eines für ihn wertvollen Menschen umgeht. Der Mensch ist noch im Bewusstsein präsent, und sieht im Sarg auch aus, als würde er einfach schlafen.

Die Trauerkapelle ist schön geschmückt, die Atmosphäre feierlich – Kerzen brennen, das Licht ist gedimmt, leichte Musik spielt. Die Kapelle wirkt ganz anders, als bei meiner Besichtigung beim Antritt meines Praktikums: Die Blumen sind schlicht, die Sträuße durchzogen von Gräsern; Muscheln und Bilder vom Meer zieren den Raum, selbst die Musik erinnert an das Rauschen eines Meeres. „Die Verstorbene träumte davon, vor ihrem Tod noch einmal ans Meer zu fahren – dort hat sie ihre Kindheit zugebracht“, erklärt meine Kollegin etwas wehmütig. „Die Kinder waren sehr traurig, dass sie es nicht mehr geschafft hat und ich freue mich sehr, dass wir die Möglichkeit haben, ihr das auf ihrer letzten Reise zu bieten.“

Die Messe und die Beerdigung sind schön. Die Menschen sind ruhig, die Musik andächtig. Bei der Grabrede tupfen sich die Angehörigen die Augen, drücken sich, stützen einander. Es ist eine schöne letzte Erinnerung an die Oma, Mutter, Tante, Freundin, gekennzeichnet durch gegenseitige Unterstützung und Beistand, ein letztes Erlebnis mit der Verstorbenen im Beisammensein aller Angehörigen und Lieben. Und das macht den Beruf lohnenswert. Was mich besonders beeindruckt, ist die sehr individuelle Gestaltung der Feier. „Das ist etwas, was für uns ein Alleinstellungsmerkmal ist“, betont meine Kollegin. „Wir wollen für die Angehörigen eine letzte gemeinsame Erinnerung schaffen. Durch unsere Größe haben wir die Möglichkeit dazu: Wir haben unsere Räumlichkeiten, unseren eigenen Floristen, einen eigenen Gestalter für die Karten… selbst für die Dekoration haben wir einen ganzen Speicher voll von Requisiten – fast wie im Theater. So können wir sehr gut auf die individuellen Wünsche der Verstorbenen und Angehörigen eingehen. Dieser Teil unserer Arbeit erfüllt mich mit Stolz“, meint meine Kollegin. „Menschen kommen auf uns zu und danken uns, sagen: ‚Genau so hätte er sich das gewünscht‘ – eine bessere Bestätigung, dass unsere Arbeit bedeutend und unsere Philosophie richtig ist, könnte es für mich nicht geben.“

Haben sich die Angehörigen verabschiedet, geschieht alles auf Knopfdruck, zumindest beim Kremieren. Meine Kollegin erzählt: „Ein ausländischer junger Mann wollte seine verstorbene Mutter kremieren lassen und unbedingt dabei sein. Wir haben ihm davon abgeraten, aber er hat darauf bestanden. Am Ende war er enttäuscht. Denn an dieser Stelle ist die Feier schon vorbei, es ist ein recht maschineller Prozess. Und der junge Mann war traurig, dass die Verbrennung so unzeremoniell stattgefunden hat.“

Bestattungen haben in der Kultur einen festen Platz, aber von Kultur zu Kultur ist es natürlich auch unterschiedlich. Die Monuta hat in den Niederlanden auch Krematorien. Dort ist der Umgang mit dem Tod ein anderer, als in Deutschland: Die Menschen sind offener, verdrängen nicht den Gedanken an den Tod, er ist kein Tabuthema.

Auch bei „aus dem Siepen“ wird eine Kultur der respektvollen Offenheit und Positivität beim Umgang mit dem Tod gelebt. Das beginnt schon beim Stil der Einrichtung: Es ist nicht düster oder beklemmend; hier ist alles hell und freundlich gestaltet, man fühlt sich heimisch. Das lädt auch dazu ein, einzutreten und sich Gedanken zu machen – mit einem leichteren Gefühl.

Zeit, ein kleines Resümee meines Praktikums zu ziehen: Mir ist klar geworden, dass der finanzielle Aspekt zwar wichtig, aber definitiv nicht zentral ist. Was eine weitaus größere Rolle spielt, ist das Emotionale. Die meisten Hinterbliebenen scheuen keine Kosten, um ihrer Lieben würdig zu gedenken. Und darum geht es schließlich für die Bestatter: Eine letzte schöne Erinnerung für und mit dem Verstorbenen zu schaffen.