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Tag 5 beim Bestatter: Sterben ohne Totenschein verboten

18.01.2018 / Bestattungsunternehmen

Der gestrige Besuch bei der Familie hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Es ist eine Achterbahn der Gefühle, von der man selbst leicht mitgerissen werden kann. Als empathischer Mensch nehmen einen die Tränen und der Schmerz der Hinterbliebenen sehr stark mit. Aber ohne Empathie wäre man falsch in diesem Beruf. Denn: Das nötige Fein- und Mitgefühl ist hier durchaus angebracht. Als Trauernder tut es sicher gut, sich einerseits verstanden zu fühlen und zu wissen, dass das Gegenüber weiß, wie es einem in einer solchen Situation ergeht. „Auf diese Weise vermitteln wir den Trauernden auch die Sicherheit: Alles wird in ihrem Sinne geregelt, wir machen es ihnen so schön wie möglich und wir wollen, genau wie sie, dass des Verstorbenen würdevoll gedacht wird“, erläutert meine Kollegin aus der Beratung.

Heute lerne ich einen Teilbereich der Bestatterarbeit kennen, mit dem ich weniger gerechnet habe: Vorsorgegespräche. Auch diese stehen auf der Tagesordnung. Diese Situation ist mir aus meinem eigenen Arbeitsalltag vertraut. Der Unterschied zu meiner Arbeit bei der Monuta Versicherung: Die Bestatter gehen nicht aktiv auf Menschen zu – sie kommen zu ihnen. Ansonsten funktioniert es hier ähnlich wie bei uns: Das Geld für die Bestattung wird treuhänderisch verwaltet und steht im Sterbefall zur Verfügung, um die Kosten der Bestattung zu decken. Das Geld ist zweckgebunden und vor dem Zugriff des Staates geschützt, falls der Pflegefall eintritt oder wenn der Betroffene Sozialhilfe beziehen muss. „Manchmal möchten Kinder von Verstorbenen für den eigenen Todesfall vorsorgen und kommen auf uns zu. Nach dem Motto ‚Ich habe gerade ein wenig Geld übrig und würde es gerne für den Fall meines Ablebens zur Seite legen. Dann müssen sich meine eigenen Kinder nicht auch noch um die Kosten Gedanken machen‘“, erklärt meine Kollegin. „Oder man möchte auch für den Todesfall der Eltern vorsorgen, etwa wenn sie dement werden und der Tod in nicht allzu weiter Ferne liegt, manchmal auch ohne deren Wissen – aufgrund der Bestattungspflicht für Kinder müssen sie ja ohnehin für die Kosten aufkommen.“

Eine ältere Frau besuchen wir im Seniorenheim. Ihr Bruder hat das Gespräch veranlasst. Sie sei zunehmend durcheinander und er möchte schon die wichtigsten Fragen klären – aber sie soll dabei sein, einfach damit sie weiß, was wir hier besprechen.

Der Mann – er ist ebenfalls schon etwas älter, aber noch gut in Form – spricht nüchtern und gefasst. „Es mag seltsam erscheinen, das Ableben eines anderen Menschen zu planen, während er noch lebt“, meint er etwas verlegen. „Aber ich habe mich mit dem Gedanken abgefunden, dass Hilde* (Name geändert) bald sterben könnte. Ich möchte vorbereitet sein.“

„Sie treffen die richtige Entscheidung“, versichert meine Kollegin. „Und dass Ihre Schwester dabei ist, ist auch wichtig – so können wir sicherstellen, dass alles in ihrem Sinne geregelt wird.“ Das scheint den Herrn zu beruhigen – wir beginnen unser Gespräch.

Einerseits geht es um den finanziellen Aspekt – was ist wie teuer? Wie viel Geld steht zur Verfügung? Was muss man sonst berücksichtigen? Aber auch einige Details zur Bestattung – wenn es dann soweit ist – können wir schon jetzt klären, denn das ist schließlich auch für die Kosten ein wichtiger Faktor.

Im Verlauf des Gesprächs erfahren wir viel über das Leben von Hilde, gemeinsame Erinnerungen der Geschwister.  

Ich kann durchaus nachvollziehen, warum ihm unser Gespräch ein seltsames Gefühl vermittelt: Für viele Menschen ist der Gedanke an den Tod unangenehm und den Tod eines Anderen zu besprechen, verstärkt dieses Gefühl zusätzlich. „Ich habe auch im Privaten schon erlebt, dass Angehörige negativ auf das Thema Sterben reagieren“, erklärt mir meine Begleiterin im Anschluss an unser Gespräch. „Spricht man das eigene Ableben an, hört man häufig von Angehörigen, dass man noch lange leben wird und sich um so etwas keine Gedanken machen sollte. Oder aber, Leute werden misstrauisch – sie glauben, man würde eine Krankheit verbergen oder gar Suizidgedanken hegen. Das liegt sicherlich daran, dass Menschen sich mit dem Tod eines geliebten Familienangehörigen oder Freundes nicht gerne befassen möchten und diesen Gedanken lieber verdrängen.“ Spreche man andere Menschen auf ihren Tod an, gibt es einige unter ihnen, die aggressiv werden: „‚Du willst wohl meinen Tod?!‘ heißt es dann“, erzählt meine Kollegin schulterzuckend. „Das ist in gewisser Weise egoistisch, aber dahinter steckt ebenfalls der Wunsch, einen in der Regel unangenehmen Gedanken zu verdrängen.“ Auch die Tatsache, dass der Tod ein Tabuthema ist, sei ein Teil deutscher Mentalität, der für Menschen eine innere Barriere darstellt, offen damit umzugehen.

Da kann ich nur zustimmen. Aber ich lerne auch: Der Anfang mag schwer sein, doch wenn man den Schritt getan hat, verlässt man das Gespräch mit einem positiven Gefühl. Unser Kunde hat nicht nur die wichtigsten Fragen geklärt, sodass er sich, wenn seine Schwester eines Tages stirbt, auf die Trauer konzentrieren kann. Und dass er dies tun konnte, solange sie noch lebt und – wenngleich beschränkt – mitentscheiden kann, sicherte einer von Demenz betroffenen Frau einen Rest an Autonomie. Und: Er hat im Prozess viele schöne Erinnerungen geteilt und sich seine ältere Schwester als vitale, lebensfrohe und humorvolle Frau in Erinnerung gerufen – so wie sie war, bevor sie anfing, ihre Persönlichkeit Stück für Stück an die Demenz zu verlieren. Und das ist unheimlich viel wert.

Zur Vorsorge – aber auch zur Nachsorge nach dem Tod – gehört, alle notwendigen Papiere zu sammeln. Verstirbt ein Mensch, müssen diese am besten leicht auffindbar sein, um dann für Behördengänge direkt verfügbar zu sein. Das übernimmt eine Person aus einer anderen Abteilung des Bestattungsunternehmens. In diesem Aufgabengebiet müssen Versicherungen und Konten abgemeldet werden.

Auch unsere gegenwärtige Kundin im Seniorenheim hat ihre wichtigsten Dokumente schon parat – in einer schön geschnitzten Box, die nach Zedern riecht. Bei der Einsicht dieser alten, noch handschriftlich verfassten Dokumente überkommt mich eine große Ehrfurcht. Denn: Verstirbt die Dame, wird ein ganzes Menschenleben auf einen Stapel Papiere reduziert. Was hat dieser Mensch in seinem langen Leben erfahren? Was durchgemacht? Momente des Glücks und des Leids, Liebe und Hass, welche Geschichten hat dieser Mensch erlebt? Man hält Geschichte in der Hand. Dass all das in einem Moment weg ist, stimmt mich traurig und nachdenklich…

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