Echte Trauerbekundung statt toxischer Positivität

20.07.2022 / Trauer

„Zeit heilt alle Wunden“ - ein bekannter Satz in der Trauerbekundung. Oft nur nett gemeint, versuchen Bekannte und Verwandte ihr Mitgefühl auszudrücken und aufbauend zu wirken. Doch Trauernde fühlen sich dadurch unter Druck gesetzt. Die Folge: sie unterdrücken ihre Trauer und versuchen schnell wieder in Routinen zu finden.

Trauer ist eines der Gefühle, welches noch immer nicht salonfähig ist. Betrauert man einen Todesfall, wird möglichst schnell verlangt, dass die Trauer verarbeitet und man wieder zurück zur Normalität kehrt. Tod und Trauer sind gesellschaftliche Tabuthemen, öffentliche Diskurse gibt es kaum und auch im engen Freundeskreis kann es zu Berührungsängsten mit Trauernden kommen. Genau hier lauert die Gefahr, denn Trauerreaktionen sind unterschiedlich und Trauer hat verschiedene Verläufe. Je nach emotionaler Bindung kann sich ein Trauerverlauf über Jahre erstrecken.

Gerade unverarbeitete Trauer belastet den Körper länger. Trauernde neigen dazu, ihre Gefühlslage stark zu unterdrücken und mit sich selbst zu vereinbaren, oft auch um keinen zu belasten. Treffen sie dann auf Bekannte und Verwandte, begegnen sie ihnen unauffällig, oft sogar überschwänglich optimistisch. Dabei ist der Tod eine der schwersten Verlusterfahrungen, die wir im Leben erfahren müssen.

Was ist toxische Positivität im Zusammenhang mit Trauer?

Toxische Positivität beschreibt das Leugnen von negativen Emotionen und den Drang zu Positivität trotz aktiver Trauerphase. Wut, Enttäuschung, Angst oder Betrübtheit werden relativiert und durch zwanghaftes, positives Verhalten ersetzt. Normalmenschliche Gefühle verlieren ihre Wertigkeit und werden weiter aus dem gesellschaftlichen Kontext verbannt. Das Bedürfnis zu stetiger Positivität rührt dabei oft nicht aus eigenem Antrieb, sondern aus Angst, unerwünscht zu sein. Bekannte Sprüche, wie „Good Vibes Only“, die gerade in den sozialen Medien plakativ kommuniziert werden, begünstigen toxische Positivität zudem. Klar ist, kein Mensch ist zu grenzenloser Positivität im Stande.

Wie kommt es zu toxischer Positivität?

Gerade Trauer ist ein ungelerntes Verhalten innerhalb unserer Gesellschaft. Schon im Kindesalter wird uns beigebracht, dass wir möglichst schnell wieder auf andere Gedanken kommen sollen. Sei es, weil der geliebte Teddybär verloren wurde oder das erste Haustier verstorben ist. Trauer ist eine Emotion, mit der wir nur schlecht umgehen können und deren Dasein wir maximal temporär akzeptieren. Dabei ist sie ebenso wichtig, um einen Verlust zu überwinden und mit dieser Erfahrung in einen neuen Lebensabschnitt zu starten. Dabei handelt es sich nicht um eine von Grund auf optimistische Lebenseinstellung und einen resilienten Trauerverlauf. Vielmehr geht es darum, Gefühlsausbrüche komplett zu verhindern und sie nicht zu verbalisieren.

Wie kann man toxische Positivität verhindern?

Auch während einer Trauerphase ist positives Denken erlaubt. Wird positive Stimmung jedoch von außen gefordert, ist dies übergriffig. Auch wenn Tränenausbrüche nicht zum sozialen Teilen einladen, sind sie auf der Gefühlsskala wichtig. Um übergriffigen Optimismus zu erkennen, sind diese vier Tipps hilfreich:

  1. Akzeptanz der Grenzen. Jeder Trauernde hat eigene Grenzen, die es zu akzeptieren gilt. Ablenkung ist meist eine gelungene Hilfestellung, doch sollte die trauernde Person nicht in passender Stimmung sein, bewirken jegliche Überredungskünste das Gegenteil. Unterdrückte Gefühle stauen sich an und entfalten sich in den Tagen danach mit doppelter Wirkung.
  2. Alle Gefühle sind erlaubt. Gerade Wut und starke Enttäuschung sind Emotionen, die wir nur selten bei Freunden oder Verwandte zu sehen bekommen. Umso wichtiger ist es, dass wir eine Umgebung des Vertrauens schaffen. Sätze wie „Nun reiß dich mal zusammen.“ oder „Deine Wut ändert auch nichts an der Situation.“ wirken toxisch und lassen Trauernde in dem Glauben, sie würden etwas falsch machen.
  3. Zum positiven Denken motivieren. Viele Helfende vergeben den Tipp, Trauernde sollen einzig positive Gedanken zulassen. Auch dieser Tipp verstärkt toxische Positivität. Denn positives Denken allein ist kein Allheilmittel für Trauer. Wichtiger ist es, einen vertrauten Raum für Trauer und Tränen zu schaffen, um Trauer in allen Facetten ausleben zu können.
  4. Lachen ist eine Emotion und keine Sportart. Ist dem Trauernden nicht zum Lachen zu Mute, hilft auch die mündliche Aufforderung zum Lachen nicht. Authentische Gefühle oder auch Schweigeminuten unterstützen Trauernde in ihrer ungeordneten Gefühlswelt.

Während Menschen früher Halt in Trauerritualen wie das temporäre Tragen von schwarzer Bekleidung oder die Einhaltung des Trauerjahres fanden, begünstigen gerade die sozialen Medien die Gefahr zu falscher und ungesunder Positivität. Helfen kann da ein starkes soziales Umfeld und ebenso wichtig die eigenen Selbstwertgefühle.

Hilfe in der Praxis – Aufbauende Sätze, die wirklich helfen

Auch wenn wir dazu neigen, Betroffene schnell wieder auf andere Gedanken bringen zu wollen, ist es in vielen Gefühlslagen ratsam, Situationen anzunehmen und zu akzeptieren. Trauer ist kein besorgniserregendes Gefühl und auch viele andere negative Gefühle zählen zu einem gesunden Trauerverlauf. Ist zu einem Moment auch kein positiver Gedanke vorhanden, müssen wir das bei unserem Gegenüber annehmen. Toxisch wird erst, wenn wir versuchen, Gefühle zu schmälern oder sie gar ganz abzusprechen.

Vier Sätze, die Trauernden Raum für alle Gefühle geben und gleichzeitig aufbauend wirken:

1. „Ich verstehe, dass es dir nicht gut geht und du tiefe Trauer empfindest. Wenn dir zum Weinen zu Mute ist, dann tröste ich dich, wenn du magst.“

2. „Ich verstehe, wenn du gerade keinen positiven Gedanken fassen kannst. Ich bin da, wenn du mich brauchst. Ich höre dir gerne zu.“

3. „Ich glaube daran, dass du lernst, mit dem Verlust umzugehen. Du hast schon viel im Leben geschafft, auch wenn es schwer war.“

4. „Es ist gerade schwer für dich, das sehe ich und verstehe dich.“


Trauerende fühlen sich in ihren Emotionen besser verstanden, wenn kein Druck von außen auf sie wirkt und sie authentisch trauern dürfen. Gleichzeitig ist das Leben von vielen herausfordernden Situationen gezeichnet, die jederzeit auf jeden einprasseln. Umso wichtiger ist es, dass sich gerade der gesellschaftliche Raum wieder mehr für negative Gefühle öffnet.