Wenn die eigenen Eltern sterben

21.02.2022 / Trauer

Der Tod eines Elternteils ist ein besonders einschneidendes Erlebnis und kann das Leben bereits erwachsener Kinder aus den Fugen bringen. Trauer, Ängste und Schuldgefühle sind häufige Emotionen.

Einmal noch zugedeckt werden, den Kopf in den elterlichen Schoss legen oder bei Krankheit liebevoll umsorgt werden. All das ist endgültig. Verliert man als Erwachsener selbst ein Elternteil, trifft einen dies gravierend. Plötzlich steht da die alleinige Verantwortung über das eigene Leben. Aber auch Kindheitserinnerungen oder unverarbeitete Geschehnisse werden unverhofft lauter. 

Warum ist der Tod der Eltern eine ganz besondere Herausforderung im Umgang mit der Trauer?

Rational gesehen haben wir eine lange Zeit, um uns auf den Tod eines Elternteils vorzubereiten, denn mit voranschreitenden Alter folgt auch der immer näher tretende Tod. Und obgleich wir den Alterungsprozess der Eltern oftmals über einen längeren Zeitraum begleiten und auch eine voranschreitende Krankheit Tag für Tag beobachten, ist die Fassungslosigkeit über die Endgültigkeit groß. Meist liegt das daran, dass wir uns mit diesem Ereignis selten tiefer beschäftigen. Der Tod ist bisweilen ein Tabuthema und auch trotz besseren Wissens verdrängen wir ihn.

Doch es kann helfen, sich bereits vorher mit dem möglicherweise bald eintretenden Tod auseinander zu setzen. Welche Gefühle birgt der Tod für mich und wie werde ich mich womöglich fühlen, wenn meine Mutter oder mein Vater nicht mehr leben? Schmerzhafte Gedanken bereits im Voraus einmal zuzulassen, lindern zwar nicht den eintretenden Schmerz, geben Hinterbliebenen jedoch ein minimales Gefühl "vorbereitet" zu sein.

Eine feste Konstante im Leben

Wie oft waren die Eltern überlegen, schienen unsterblich und waren der Rückhalt auch als erwachsenes Kind? Für viele sind die Eltern eine feste Konstante im Leben und die engsten Vertrauten. Ein Anruf genügte und mit ihm ein gut gemeinter Rat aus langjähriger Erfahrung. So berührt uns auch ein absehbarer Tod der Mutter oder des Vaters unerwartet tief. Gerade im Erwachsenenalter stärkt sich die Bindung häufig und Eltern rücken in die Position der Ratgeber für Fragen rund ums Leben, Kindererziehung oder berufliche Hausforderungen. Aber auch Kinder ohne enge Bindung werden den Todesfall emotional stark wahrnehmen. Mit dem Tod der Mutter oder des Vaters stirbt ein Teil des eigenen Lebens, ganz egal wie die eigene Kindheit verlaufen ist und wie das Verhältnis zueinander war. 

Was erwartet trauernde Kinder?

"Habe ich wirklich alles gesagt?" oder "Habe ich meine Liebe und Dankbarkeit immer ausreichend zum Ausdruck gebracht?" Die Antwort lautet in vielen Fällen "Nein". Und somit beginnt die Reise in die Vergangenheit und mit ihr das Hinterfragen der vergangenen Eltern-Kind-Beziehung. Schöne wie auch unschöne Erinnerungen führen zu einem Gefühlschaos. Auch die eigenen Eltern waren nicht perfekt und somit sind auch Wut oder Enttäuschung neben der Trauer keine Seltenheit. 

In vielen Situationen empfinden Kinder auch das Gefühl der Erleichterung. Gerade eine lange, schwere Krankheit oder bspw. Demenzfälle stellen eine große familiäre Belastung dar. Kräftezehrende Pflegesituationen oder auch finanzielle Belastungen fallen nun weg. In diesen Situationen verändert sich die Rollenverteilung und mit ihr die Perspektive auf die eigenen Eltern. Diese letzte Erinnerung an die eigenen Eltern, die sich aufgrund schwerer Krankheit zu pflegeintensiven Kindern zurückentwickelt haben, lässt das eigentliche "Aufatmen" und die Erlösung mit einem schlechten Gewissen besetzen. Ein Tabu, was lange verschwiegen zu großer Belastung und Hinderung des Trauerprozesses führen kann. 

Wie werde ich meine Rolle als Mutter oder Vater meiner Kinder gestalten? 

Für die hinterbliebenen Kinder, die bereits eine eigene Familie gegründet haben, kann es mit der Zeit auch zu einer weiteren Herausforderung kommen. Oft basieren Erziehungsstile auf der Summe der Erziehungsmaßnahmen, die man aus der eigenen Kindheit als gut befunden hat. Um sich hier den nötigen Rückhalt zu holen, werden Mutter oder Vater für Ratschläge auch im erwachsenen Alter herangezogen. Endet diese Selbstverständlichkeit, sind oftmals Versagensängste die Folge. Die hinterbliebenen Kinder müssen lernen, in ihrer neuen Rolle anzukommen. Immer dabei der Gedanke, wie die Mutter oder der Vater ein aufkommendes Problem wohl gelöst hätten. 

Wie kann man mit der Trauer und Veränderung umgehen?

Die Trauer und die vielen damit einhergehenden Gefühle und Veränderungen lähmen hinterbliebene Söhne und Töchter. Während man vielleicht zuvor jeden Tag die Eltern umsorgte oder gar in einer Hausgemeinschaft wohnte, fallen diese Gewohnheiten nun endgültig weg. Ein Todesfall mit Folgen für den bekannten Alltag. 

Neue Routinen können helfen. Ein Besuch am Grab gibt in schweren Trauerphasen Halt. Ein Ort, der sich nach "Besuchen" anfühlt, ein Ort, an dem man ungestört mit den Eltern in Kontakt tritt. Und auch wenn es keine Antworten mehr geben wird - die Nähe wirkt heilsam. Schöne Erinnerungen auszutauschen, z.B. bei Verabredungen mit Geschwistern oder anderen Angehörigen, stärkt die Beziehungen und schafft Verbundenheit in der Trauer.

Sterben die Eltern ist das ein einschneidendes Erlebnis, was das Leben oft für einen langen Zeitraum in Trauer hüllt. In diesen Zeiten ist es wichtig, auch einen Blick auf das nähere Umfeld zu haben. Denn auch die Kinder und Partner leiden unter der Situation. Trauert die Frau oder der Mann, können Partner nur bedingt helfen. Umso schöner ist es, wenn diese Hilfe zugelassen wird. Es ist ganz normal, dass die Trauer tief sitzt und eine Trauerverarbeitung lange dauert. Wichtig ist es, keine Scheu zu haben, auch professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.