Achtsamkeit als Hilfe in der Trauerphase

31.05.2022 / Trauer

Nach einem Todesfall im engeren Umfeld fühlen sich Trauernde oftmals entmutigt und allein. Achtsamkeit kann nicht nur Hilfe in Trauerphasen bieten, sondern auch ein bewussteres Leben.

Wieviel Zeit wir benötigen, um den Tod eines nahestehenden Angehörigen zu verarbeiten, unterscheidet sich von Person zu Person. Dabei hängt die Tiefe des Schmerzes von vielen verschiedenen Faktoren ab. Stand die verstorbene Person uns sehr nahe, hinterlässt der Tod eine große Lücke. Hoffnung zu fassen fällt nicht leicht, ein Licht am Ende des Tunnels ist oftmals kaum erkennbar.  

Gerade die ersten Monate sind besonders auszehrend. Auch wenn viele Menschen einen resilienten Trauerverlauf verzeichnen, werden auch sie von starken Emotionen wie Sehnsucht, Hoffnungslosigkeit, Wut oder Angst vor der Zukunft begleitet. Ein resilienter Trauerverlauf beschreibt eine intensive Trauerphase, die jedoch endet. Trauernde schaffen es aus eigener Kraft ihren regulären Alltag wieder aufzunehmen und die Trauer zu verarbeiten. Doch auch das ist ein langer Weg. Bis dorthin berichten viele über intensive Gefühle, wenig Bezug zu den eigenen Bedürfnissen und einer hohen körperlichen Belastung. Hinzu kommt eine unausgewogene Ernährung, oft wenig sportliche Betätigung und kaum positive Impulse.  

Woher kommt die tiefe Trauer? 

Gedanklich reisen Trauernde immer wieder in die Zeit vor dem Todesfall, werten diese Zeit als eine bessere und ziehen daraus eine traurige und nicht vielversprechende Bilanz für die Zukunft. Das Hier und Jetzt steht im Zeichen der Hoffnungslosigkeit. Positive Dinge, wie ein starker Freundeskreis oder eine zuversichtliche Gesamtsituation, werden dadurch kaum wahrgenommen.  

Habe ich einen Partner, der mich unterstützt, mir vielleicht sogar Arbeit abnimmt, die ich zurzeit körperlich oder psychisch nicht leisten kann? 

Habe ich Freunde, die mich ablenken und mich immer wieder daran erinnern, dass mich noch vielerlei Möglichkeiten und schöne Erlebnisse im Leben erwarten?  

Habe ich einen Job, der mir Spaß und Freude bereitet und verständnisvolle Vorgesetzte und Kollegen?  

In schwierigen Zeiten überwiegen die negativen Gefühle. Die schmerzliche Lücke, die die verstorbene Person hinterlässt, lässt Hinterbliebene am eigenen positiven Lebensinhalt zweifeln. Hoffnung ist kaum erkennbar und wird in Zukunftsszenarien nicht mitgedacht.  

Wie können Betroffene ihre Gedanken wieder auf das Positive lenken?  

Trauer erfordert Achtsamkeit. Achtsamkeit ist eine Wahrnehmungsmöglichkeit. Achtsame Menschen leben im Hier und Jetzt, frei von jeglicher Wertung des Moments. Das klingt zunächst nicht schwer. Doch gerade in tiefen Trauerphasen schweifen die Gedanken immer wieder ab.  

Ein Beispiel: Viele Trauernde berichten davon, dass sie während akuter Trauerphasen kaum oder sehr viel essen. Während des Essens wird nicht das Essen als Tätigkeit oder die Nahrungsmittel auf dem Teller wahrgenommen, sondern immer wieder die schmerzliche Situation. Dies führt zu Appetitlosigkeit oder andersherum zu Frustessen.  

Um alle Gedankengänge auf die Tätigkeiten des Moments zu lenken, erfordert es ständiges Mentaltraining. Achtsamkeitslehren bieten nicht nur Hilfe in Trauerphase, sondern auch ein bewussteres Leben. Sie minimieren Stress und steigern so die Lebensqualität. Und nicht nur das, Studien lassen darauf schließen, dass sich Achtsamkeit positiv auf die allgemeine mentale Gesundheit auswirkt und nicht zuletzt Selbstheilungskräfte aktiviert. Selbstheilungskräfte sind gerade im Trauerprozess eine wichtige Fähigkeit, um Symptome aus eigener Kraft heraus bewältigen zu können.   

Auch wenn Achtsamkeit die Trauer nicht plötzlich verschwinden lässt, helfen die bewussten Methoden mit der Trauer umzugehen und eigene Bedürfnisse wahrzunehmen. Damit einher geht auch die Stärkung der Selbstwahrnehmung in Hinblick auf ein tieferes Selbstverständnis. Wie oft werden eigene Bedürfnisse doch übergangen, weil die der anderen für einen Moment lauter sind.  

Wie kann ich Momente wieder bewusst wahrnehmen?   

Achtsamkeit will gelernt und stetig praktiziert werden. Dies geht zum Beispiel durch kleine, aber effektive Achtsamkeitsübungen, wie das Wahrnehmen der Umgebung. Orientieren kann man sich zur Wahrnehmungsstärkung an den bekannten W-Fragen: 

  1. Wo befinde ich mich gerade, an welchem Ort genau? 
  2. Wie riecht dieser Ort? 
  3. Wie klingt dieser Ort? 
  4. Wie fühlt sich dieser Ort an? 

Bewusste Wahrnehmung ist auch gleichzeitig wertfreie Wahrnehmung. Die Beantwortung der Fragen konzentriert sich also rein auf die Sachebene. Dabei hilft eine klare, eindeutige und konkrete Schilderung. Nahezu jede Alltagssituation lässt sich achtsam erleben. Befindet man sich gerade auf dem Weg zur Arbeit hilft der Gedanke an die eigenen Füße. Wie fühlt es sich an, wenn die Füße auf den Boden aufsetzen? Welche Beschaffenheit hat der Boden. Selbst wenn dieser Weg ein beliebter Spazierweg mit der verstorbenen Person war, schafft man es durch Achtsamkeitsübungen, den Gedankenfluss weg von der Vergangenheit hin zur Gegenwart zu lenken.  

Darf ich keine negativen Gefühle mehr haben? 

Achtsamkeit bedeutet nicht nur Situationen bewusst wahrzunehmen, vielmehr geht es darum sich selbst wieder stärker wahrzunehmen. Nur die eigene Wahrnehmung teilt Schlüsse darauf, was konkret zur Heilung verhelfen kann. Stecken Trauernde inmitten einer zehrenden und zutiefst traurigen Phase, ist das Bedürfnis für den Moment im Bett bleiben zu wollen, vollkommen normal. Diesem Bedürfnis nachzukommen und dem Geist Ruhe zu schenken ist das beste Beispiel, Achtsamkeit zu leben. Auch das Realisieren des Zustands „Ich bin traurig“ ist zwar kein schönes Gefühl, jedoch vollkommen wertfrei in der Benennung und zahlt so auf eine achtsame Lebenseinstellung ein. Wichtig ist an der Stelle, all diese Gefühle wahrzunehmen, anzunehmen und den nötigen Raum für sie zu schaffen.  

Wie kann ich Achtsamkeit in meinen Trauerverlauf einbinden? 

Achtsamkeit als stetiger Begleiter kann Trauernden langfristig helfen, ihr Leben bewusster zu gestalten. Achtsamkeit ist ohnehin eine schöne Möglichkeit sich in einer dynamischen Welt auf das Wesentliche zu konzentrieren. Entschleunigung ist dabei ein wichtiger Faktor, um dem Geist durch Ruhe Bewusstsein zu schenken.  

Ein Zusammenspiel aus eigenen und angeleiteten Achtsamkeitsübungen kann helfen eigene Verhaltensmuster schneller zu verändern. Hierzu bieten viele Yogastudios und Onlineanbieter unter anderem Meditationen zur Hilfe für das eigene Wahrnehmen an.